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Digitalisierung – Die Macht der Firmen über das Internet

Flüchtlingskrise, innere Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Altersarmut .. – und Digitalisierung. Diese Themen beherrschten weitgehend den Wahlkampf, zumindest wenn man den täglichen Polit Talks Glauben schenken wollte. Und irgendwie waren sich die geladenen Gäste, egal aus welcher Partei, auch weitestgehend einig: Eine bessere Infrastruktur für das Internet, intensivere Behandlung in der Ausbildung, flexible Arbeitsstruktur, das ist, was das Land braucht. Kontroversen oder Streitgespräche gab es keine. Zeit also, dies anhand einer aktuellen Entwicklung näher zu beleuchten.

Digitalisierung
Bild: Fotolia

Die Zentrale des Internet

Tim Berners-Lee, britischer Physiker und Informatiker, gilt als Begründer des World Wide Web und der dazugehörigen Struktur-Sprache HTML (Hypertext Markup Language). Zudem ist er seit 1994 Vorsitzender des sogenannten World Wide Web Consortiums, kurz: W3C – eine Organisation, die durch die Zusammenarbeit freiwilliger Mitglieder technische Standards für das Internet entwickelt und festlegt. So sollte seit der Gründung sichergestellt werden, dass das Internet sich als homogene Einheit entwickelt, statt sich in unterschiedliche Netzwerke mit unterschiedlichen Ansprüchen aufzuteilen. Mitglied kann jeder werden, der sich je nach Herkunftsland und Art der Organisation die Beitragsgebühren leisten kann. Neben großen Technologie-Riesen wie Google, Apple und Facebook sind auch politische Entitäten wie die US-amerikanische Defense Advanced Research Project Agency – DARPA – oder die Europäische Kommission involviert.

Das Konsortium finanziert sich über eben jene Mitgliedsgebühren sowie freiwillige Spenden und ist nach eigenen Angaben bemüht, den Mitgliedern zu helfen und die entwickelten Standards entsprechend zu verbreiten und die Akzeptanz für sie zu fördern. All dies geschieht jedoch wie angemerkt auf freiwilliger Basis: Die Empfehlungen sind nicht verpflichtend und Entwickler unterliegen keinerlei Zwang, sie in welcher Art und Weise auch immer zu implementieren. Dennoch erfolgt durch das Involviertsein solcher Firmen-Giganten wie Google automatisch eine enorme Verbreitung neuer Technologien. Damit steigt auch direkt der Einfluss dieser Unternehmen auf das Internet selbst. Mit unangenehmen Folgen für die Nutzer.

Digitale Rechteverwaltung

DRM – kurz für Digital Rights Management – war die Antwort auf ein grassierendes Problem unter Internet-Nutzern, insbesondere in den Augen großer Firmen. Die Urheberrechte digitaler Inhalte im Netz zu schützen war angesichts der vielfältigen Methoden, Daten zu kopieren und weiterzuverbreiten, eine große Herausforderung; ein Kampf, der auch heute noch andauert. Schon Mitte der 80er Jahre hatte man sich damit beschäftigt und einen Schutzmechanismus erdacht, der mit Verschlüsselung arbeitete. Später wurden Lizenz-Vereinbarungen zum Standard. Die Technologien entwickelten sich weiter, um gegen die sich ausweitende Piraterie von Filmen, Spielen und Musikstücken anzukämpfen. DRM erlaubte den Firmen, ihre vom Urheberrecht geschützten Produkte im Internet zu schützen. Oder es zumindest zu versuchen.

Die Kehrseite war jedoch eine immer restriktivere Beschneidung der Rechte der Konsumenten, die das entsprechende Produkt legal erworben hatten. Wo früher das Erwerben eines Computer Spieles – physisch, etwa auf einer CD – dem Käufer noch erlaubte, das Produkt unbegrenzt zu werden, führte eine DRM-Variante in späteren Jahren eine Begrenzung ein. So durfte der Nutzer nur noch eine fest definierte Anzahl  von Installationen vornehmen, bevor sein Anspruch auf eine weitere erlosch. Auch in der Musik wurde verschärft reguliert; früh noch durch die Nutzung von sogenannten CD-ROMs, welche spezifische Hardware zur Nutzung voraussetzten, später durch das Verbot von Raubkopien. Manche Modelle installierten bei der Nutzung über den PC unerlaubt spezielle Software, die sich später als enormes Sicherheitsrisiko für den Nutzer entpuppten. Auch das Entfernen entsprechender Sicherheitsmaßnahmen wurde illegalisiert.

Trotz der Gängelung der Nutzer zeigten sich die Methoden jedoch wenig erfolgreich im Kampf gegen Piraterie. 2007 war es Apples iTunes Geschäft, das wieder begann im großen Stile Musik ohne DRM zu verkaufen. Kurz darauf folgten auch die anderen Schwergewichte des Marktes. Steve Jobs selbst kritisierte damals das System, das sowohl Konsumenten als auch Anbietern Nachteile brachte. Und dabei war es Apple selbst, das mit iTunes eine Art Monopol über den an sich selbst gebundenen Vertrieb und Gebrauch von Musik erschaffen hatte. Die Kritik mehrte sich in vielen Aspekten; Untergrabung des freien Marktes, Sorgen über den Datenschutz, Inkompatibilität zu verfügbaren Geräten und Angriffsfläche für diverse Viren und Trojaner.

Trotz dahingehender Kränkeleien und ausbleibenden Erfolges im Kampf gegen die Piraterie wurde die Digitale Rechteverwaltung noch weiter durch nationales Recht gestützt. Sowohl in der USA (DMCA) als auch in der EU und Deutschland im speziellen ist das Umgehen dieser Schutzmechanismen straffällig und kann in Deutschland mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.

Standardisierung von Fehlern

Angesichts all dieser individuellen Versuche und Fehlschläge war es also nur verständlich, dass das W3C früher oder später eine Standardisierung für DRM anstreben würde; nicht nur um den Schutz des Urheberrechtes im Netz zu vereinfachen, sondern auch den Nutzern mit einer einheitlichen Lösung entgegen zu kommen. Auftritt: EME. Encrypted Media Extensions – oder Verschlüsselte Medien Erweiterungen im Deutschen.

Am 6. Juli beschlossen und am 18. September veröffentlicht, ist eine Vorgabe, die die Kommunikation zwischen dem Browser und DRM ermöglicht und weitestgehend gleich schaltet. Wo also früher viele verschiedene Technologien angewendet wurden, um vom Urheberrecht geschützte Medien vor Eingriffen zu bewahren – wie es beispielsweise Adobe Flash getan hat – können Entwickler fortan auf das neue HTML5 Format zurückgreifen. Dadurch werden jene Videos und Streams fest in der Struktur der jeweiligen Internetseite als unantastbares Objekt verankert. Das Umgehen des DMR bleibt weiterhin strafbar.

Die Abstimmung dieser Entscheidung war alles andere als einstimmig verlaufen und hatte zu beträchtlicher Kritik geführt. Der Wunsch nach Standardisierung unterlief zähen Diskussionen, bevor ein Kompromiss eingebracht worden war. Der von der Organisation Electronic Frontier Foundation gebrachte Vorschlag sollte alle Mitglieder dazu verpflichten nur dann juristische Maßnahmen gegen Verletzungen des EME aufzugreifen, wenn tatsächlich auch ein Angriff auf das Urheberrecht vorlag. Eine Ausnahme sollte definitiv vorliegen, wenn die Umgehung mit dem Zwecke geschehen war, das entsprechende Medium zu verbessern. Etwa durch das Beheben von Fehlern in der Programmierung oder um ein Video barrierefrei zu gestalten, durch Untertitel oder Blindentext.

Unterstützt durch UNESCO und andere Mitglieder wurde der Kompromiss zwar diskutiert, jedoch ohne Erfolg. Selbst eine weitere Verschärfung dieses Entgegenkommens wurde letztlich durch Netflix – welche EME bereits seit geraumer Zeit selbst für ihre Plattform nutzen – abgeschmettert. Kurz darauf verkündete Tim Berners-Lee, dass alle Bedenken diskutiert oder nichtig gemacht worden waren und beschloss die kompromisslose Einführung von EME. Der Versuch der EFF ein letztes Mal dagegen anzugehen scheiterte; kurz darauf verließ die Stiftung das W3C.

Auswirkungen

Cory Doctoro, Mitarbeiter der EFF, drückte es in einem offenen Schreiben an das W3C so aus:

„[..] Nichtsdestotrotz, als die Koalition, die den Kompromiss unterstützte, wuchs und wuchs – und die großen Firmen Mitglieder weiterhin jeden Kompromiss ablehnten – bestand die W3C Führerschaft darauf, dass das Thema von einer Seite der Debatte beschlossen werden konnte. Im Prinzip konnte ein Kern der EME Befürworter dem Konsortium seinen Willen aufzwingen, über die Köpfe einer beträchtlichen Gruppe von Gegnern hinweg – und jeder Person die das Internet nutzt. Der Direktor entschied persönlich jeden Einwand der Mitglieder zu überstimmen [..]

Wir glauben dass sie diese Entscheidung bereuen werden. Die W3C vermacht den Browsern von Milliarden von Menschen heute eine unüberwachbare Angriffsfläche. Sie geben den Medienkonzernen die Macht jene einzuschüchtern und zu verklagen, die Videos für Leute mit Behinderungen wiederverwenden würden. Sie stellen sich gegen die Archivare, die umher irren, um die öffentlichen Aufzeichnungen unserer Ära zu bewahren. Die Taten der W3C wurden missbraucht, von Firmen, die ihren Reichtum durch die Auflösung einer etablierten Ordnung gemacht haben; und nun, dank EME, werden sie gewährleisten können, dass nie wieder jemand sie unter den gleichen innovativen Druck setzt.“

Die Gefahr für Endkunden, Jungunternehmer und Entwickler ohne große Firma im Rücken ist also zweischneidig. Nicht nur wird großflächig die Implementierung einer Technologie angetrieben, die den Milliardenfirmen mehr Klagerechte zugestehen. Es hindert passiv durch die drohende Klage Leute daran, Internet-Elemente zu studieren, zu lernen und zu verbessern. Daran könnte, allen Erwartungen nach, die Offenheit leiden und die Barrierefreiheit eingeschränkt werden. Zudem ist EME eine Belastung der Ressourcen, ein enormes Risiko für Datenschutz und Sicherheit und war, wie die Vergangenheit bewiesen hat, alles andere als verlässlich in seiner primären Funktion.

Noch fragwürdiger ist jedoch die Macht, die einzelne Konzerne über das W3C und damit das Internet selbst verfügen. In Zeiten von Fake News, Hate Speech, sozialen Medien und Zensur-Algorithmen ist die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung sowie die Privatsphäre des Bürgers ein bedenklicher Faktor. Ob die nationale Regierung einen positiven Einfluss darauf nehmen kann ist fraglich.